Die Stadt scheint seit einigen Tagen nur noch zu flüstern. Manchmal verstummt sie auch für einige Stunden – wenn dicke Flocken gen Boden schweben und der Schnee das Gebrüll der Autos und Menschen verschluckt. Es wirkt, als atme sich durch. Doch gleichzeitig ächzt sie unter dem Gewicht, mit welchem der Winter auf sie drückt – die vom eisigen Wind geröteten Gesichter der Menschen wirken gereizt. Ein Windstoß haucht hin und wieder Eiskristalle von den Ästen und für einen Augenblick lässt die Sonne diese zarten Gebilde wie winzige Diamanten in der Luft aufblitzen. Wo die Stadt nicht so dicht zusammengerückt ist, wirkt sie wie ein Märchenwald. Die Tannen in den Vorgärten der Häuser tragen schwer und scheinen einer Postkarte aus dem Winterurlaub entsprungen. Eiszapfen kriechen langsam unter den Dächern hervor und konkurrieren im Schein der Sonne mit den schillernden Schneeflocken.
In diesen Tagen zeigt sich der Winter von seiner schönsten Seite.
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-13°
XLI
Dieser Song ist der Hammer. Gänsehaut und Herzklopfen. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie der Wind durch die Baumwipfel fegt. Ich höre fasziniert diesem Lied zu, die Blätter rascheln und rauschen im Hintergrund. Ich schließe die Augen, breite in Gedanken die Arme aus und stelle mir vor, wie ich auf dem Gipfel eines Berges stehe, die Sonne scheint, schaue auf die Wolken hinab und fühle mich frei.
Ich sehe aus dem Fenster und der Schmerz bohrt sich in mein Herz.
Verdammt
Schlaflos die Nacht, unruhig der Tag. Es ist nicht nur die Hitze, die mich an den Rand meiner Kräfte treibt.
Gegen Abend frischt der Wind in der Stadt auf. Ich schaue in den Himmel und baue Schlösser aus Wolken. Graublau. Ich will immer alles. Auf dem Heimweg benetzen ein paar Regentropfen meine Haut. In Gedanken bin ich weit weg – doch wo?
Seelenspiegel
{Ich blicke in den Spiegel.}
Mich schaut ein Kind an, dem seine Eltern fehlen.
Ich sehe eine junge Frau, die ihren Weg aus den Augen verloren hat. [Sie sucht nach Dingen, die sie glücklich machen. Ein Duft, ein Geräusch, ein Bild, ein Lied. Einen Augenblick erfüllt sein mit Glück. Die Dämonen aus der Seele vertrieben, der graue Schleier einen Moment gelüftet.]
Ihr ist die Freude am Leben abhanden gekommen. Sie sucht.
Was bleibt?
Die Stille um sie herum ist durchtränkt – von dem [schmerzlichen] Bewusstsein, an diesem Abend wieder allein zu sein. Wenn sie die Zeit vergeudet, die sie eigentlich nutzen möchte [um zu leben] und Worte nur in Gedanken gesprochen werden, dann ist die Stille eine geduldige Gesellschaft und bleibt den ganzen Abend lang. Die eigenen Gedanken machen sie ruhelos, denn niemand ist da, der ihr ein Stück der Last von den Schultern nimmt.
Sie sehnt sich nach einem Wort, einer Berührung, einer Umarmung {einem Kuss}. Das Alleinsein frisst sie auf und macht sie stumm. Sie duldet die Ruhe um sich herum, kapituliert vor der Stille, die den Abend beherrschen wird.
Wieder sitzt sie da, wartet [und schweigt]. Die Worte sammeln sich, sie stauen sich in ihr zu einem Meer [aus Schmerz?]. Sie wartet auf die Fragen, die nicht gestellt werden; stellt sich selbst Fragen, doch nur die Stille antwortet. Was ist geblieben…?
Sie ist durcheinander.
Ungesprochene Worte
~Es ist nun über drei Monate her und dennoch gibt es weiterhin Momente, in denen Du mir fehlst. An einem Sonntag zum Beispiel, wenn ich aufwache und das Kopfkissen neben mir leer ist. Wenn ich am Montag nach dem Feierabend in der Bahn sitze und der untergehenden Sonne zuschaue, dann wünschte ich, Du würdest zuhause auf mich warten. Ich würde Dir gern von den Eichhörnchen erzählen, die ich an einem Dienstag Morgen auf meinem Weg zum Bahnhof im Park sehe. In der Mittagspause am Mittwoch, wenn ich auf die Uhr schaue, da möchte ich die Stunden zählen können, die es noch sind, bis ich Dich wiedersehe. Am Donnerstag möchte ich nach der Arbeit nicht den üblichen Weg gehen, sondern zu Dir ins Auto steigen und Dir auf der Heimfahrt vom Tag erzählen können. Wenn sich die Abendstunden am Freitag in die Länge ziehen, dann wünschte ich, ich könnte Dich fragen, was wir jetzt gemeinsam gegen die Langeweile tun. Und am Samstag, da würde ich mit Dir in der Sonne liegen, Deine Hand nehmen und nie wieder loslassen…~
90 Minuten
Eine Begegnung – viel Schmerz. Viele Blicke – zahlreiche Gedanken. Zahlreiche Hoffnungen – blieben unerfüllt.
Schmerz, der tief sitzt. Wunden, die nicht anfangen wollen zu heilen. Erstickt an einer Umarmung.
Auf und ab
Heute Nacht habe ich bis halb vier wach gelegen. Meine Gedanken sind gerast – und als wenn das Herz mithalten wollte, schlug es in der Stille der Nacht in einem zu schnellen Takt. Vier Stunden lag ich bereits im Bett, als mein Körper sich in seiner Müdigkeit endlich gegen meinen Kopf durchsetzen konnte.
In Gedanken hörte ich immer wieder die gleichen Sätze, Fragmente des Tages. Tausendmal ging ich gedanklich den Tag durch, immer wieder die gleichen Bilder.
Die Gedanken gingen ihren Weg. Tasteten sich schleichend vor, wurden verworfen, durch neue ersetzt. Stakkatoartig prasselten sie auf mein müdes Herz nieder.
Ein Herz, das sich [wartend] sehnt.
Es quälte sich durch den wilden Rhythmus, den die Emotionen peitschend vorgaben.
Hinter allen Gedanken – ein Fragezeichen. Was, wenn…
Ja – was ist, wenn…?
Fessel
Und dann ist es plötzlich, als wenn sich eine Kette ums Herz gelegt hätte. Schnürt es ab bis es schmerzt und es nimmt einem die Luft zum Atmen. Nach Tagen der Dürre fließen plötzlich Tränen. Und es ist still und einsam…

