Archiv für~lesezirkel~

Kennst Du das auch?

Kennst du das auch, dass manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehn musst?

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
Wie Einer, den ein plötzlich Herzweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, weinst ohne Halt – Kennst du das auch?

Hermann Hesse

*

Im Astwerk wiegt sich der müde
Wind in Schlaf. Meine Hand
Läßt eine blutrote Blüte
Zerflattern im Sonnenbrand.

Ich hab schon viele Blüten
Blühn und zerflattern sehn;
Die Freuden und Wehen kommen und gehn,
Man kann sie nicht behüten.

Ich habe auch verstreuet
Mein Herzblut in das Leben hin;
Ich weiß nicht, ob’s mich reuet,
Ich weiß nur, daß ich müde bin.

„Liebesmüde“ von Hermann Hesse

*

„Hat Julián Groll auf seinen Vater verspürt?“
„Mit der Zeit erkalten diese Dinge. Ich habe nie das Gefühl gehabt, Julián hasst ihn. Vielleicht wäre es besser gewesen. Mein Eindruck ist, dass er nach all diesen Szenen jeden Respekt vor dem Hutmacher verloren hatte. Er hat hat davon gesprochen, als ginge ihn das nichts mehr an, als gehörte es zu einer Vergangenheit, die er zurückgelassen hatte, aber so etwas vergisst man nie. Die Worte, die das Herz eines Kindes vergiften, sei es aus Gemeinheit oder Ignoranz, bleiben im Gedächtnis haften und verbrennen einem über kurz oder lang die Seele.“

~*~

„Irgend jemand hat mal gesagt, in dem Moment, wo man sich damit aufhält, darüber nachzudenken, ob man jemanden liebt, hat man schon für immer aufgehört, ihn zu lieben.“

~*~

„Beide fragten sich, ob es die Karten gewesen waren, die ihnen das Leben ausgeteilt, oder die Art und Weise, wie sie sie ausgespielt hatten.“

[Auszüge aus "Schatten des Windes" von Carlos Ruiz Zafón]

*

„[....]; sie war aufgewachsen in dem Korsett der guten Manieren und der Konventionen, von Anfang an trainiert, zu gefallen und nützlich zu sein, eingeschnürt von gesellschaftlichen Normen und der Angst.“

[Auszug aus "Fortunas Tochter" von Isabel Allende]

Berliner Idiotie

Verstehe wer will – ich jedoch nicht. Jeder, der in Berlin bereits wiederholt mit den manchmal sehr aufdringlichen Fensterputzern zu kämpfen hatte, weiß den praktischen Nutzen des Aufklebers zu schätzen. Das daraus solch eine große Sache gemacht wird, verstehe ich beim besten Willen nicht.

Eigentlich keine Art

Eigenartig
wie das Wort eigenartig
es fast als fremdartig hinstellt
eine eigene Art zu haben

Erich Fried

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

Joachim Ringelnatz

Nachthimmel

Die Wolken hell erleuchtet,

Doch nur von einer Seite scheint das Licht.

Der Himmel ist beleuchtet.

Doch die Menschen stört das nicht.

Über den Wolken spannt sich das All.

Das Blau ist gedunkelt.

Darunter wie ein Wasserfall

Das Licht der Menschen rauf funkelt.

Unter den Wolken die Stadt leuchtet hell.

Die Sonne, man denkt’s,

nein – der Mensch ist die Quell’.

Die Lichter der Stadt,

Die erleuchten die Nacht.

Die haben den Himmel dort ruhelos gemacht.

Kleine Fabel

»Ach«, sagte die Maus, »,die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.« – »Du mußt nur die Laufrichtung ändern«, sagte die Katze und fraß sie.

[von Franz Kafka]

*

„Sterben gehört zum Leben. Und die, die sterben, brauchen vor allem jemand, der bei ihnen ist. Weil… Die meisten sind nicht darauf vorbereitet.“
„Wie meinen Sie das?“
„Sie leben und rechnen dabei nicht mit dem Tod. Wenn dann die Zeit kommt, denken sie, dass jemand sie betrogen hat und der Tod sie zu früh überrascht, bevor sie es geschafft haben, etwas zu erleben, bevor sie erkannt haben, was das Leben ist. Und dann gehen sie unversöhnt davon.“

~*~

„Was war das – der Tod?
Man lebte so lange, wie man noch einen Sinn im Leben sah. Man konnte kürzer leben, aber nicht länger. Ob man noch atmete, war nicht ausschlaggebend.“

[Auszüge aus "Warten auf Dunkelheit, Warten auf Licht" von Ivan Klíma]

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