Archiv für~großstadtansichten~

Ein perfekter Augenblick

Die Kühle des Morgens hat die Schwüle der Nacht abgelöst und ich sitze an Deck eines Schiffes am Ufer der Spree. Für einen Moment ist die Zeit bedeutungslos und ich schaue zu, wie die Sonne auf der anderen Seite des Ufers hinter einer Häuserfront aufgeht. Das Panorama ist nicht schön, doch die Atmosphäre betörend. Die Wolken wirken aquarellartig an den Himmel getupft und die Sonne schickt einen ersten Gruß an den Tag. Von unten dringt Musik herauf und bietet die passende Untermalung für diesen Augenblick. Die Möwen sitzen noch still auf den Stegen, eine Ente schwimmt mit ihren Küken vorbei, drei angeheiterte Nachtschwärmer paddeln müde in einem Schlauchboot vorüber.
Zwei Klappliegestühle stehen nebeneinander an Deck dieses Schiffes, ein liebenswerter Mensch hat den Arm um mich gelegt. Für einen Moment ist alles andere bedeutungslos und mein Kopf ist leer und frei. Ein wertvoller Augenblick.

LXV

[Großstadtansichten]

Heute stand an einem großen Bahnhof in der Mitte der Stadt ein älterer Herr, er mag so um die siebzig Jahre alt gewesen sein. Und dieser Mann versuchte mit verzweifelter Stimme den vielen vorbeihastenden Menschen seine kostenlose Zeitschrift mit auf den Weg zu geben und er hob kraftlos den Arm dabei. Man sah ihm an, dass er sich dabei unwohl fühlte, doch vermutlich braucht er das Geld. Um seine Rente aufzubessern?

Mich hat diese Szene unendlich traurig gemacht.

Verzweifelt sein

Nachtleben – die Stadt erwacht. Am späten Abend, auf meinem Weg nach Hause, betritt ein junger Mann die S-Bahn, geprägt vom Leben, vielleicht auch gezeichnet von den Drogen. Er beginnt mit hoher Stimme ein Gedicht aufzusagen. Er kehrt sein Innerstes nach außen und spricht vom „Verzweifelt sein“. Er sagt, dass er das Weinen nicht ausschließlich als eine Schwäche sehe, sondern das es einen auch stark mache. Stark genug, um die nächste Nacht und den Tag danach zu meistern – oder zu überleben? Er spricht dieses Gedicht für ein bisschen Geld, für eine Mahlzeit oder für etwas zu trinken.

Nachdem ich in die Straßenbahn gewechselt bin, bekomme ich eine Diskussion zwischen einem Obdachlosen und einer Frau mittleren Alters mit. Ein alter, schmächtiger Mann, der den Glauben an das Leben und die Jugend verloren hat. Er lehnt das Sitzplatzangebot trotzig ab und sagt, dass die Jugend immer müde wäre. Er trägt trotzig sein Leben in zwei großen Plastiktüten herum. Was hat er früher gemacht? Was hat ihn zu einem Obdachlosen gemacht? Die Frau verteidigt die jungen Menschen und meint, man solle nicht pauschalisieren, sie möge sowas nicht.
Ein älterer Mann betritt die Bahn, ich stehe auf und biete ihm meinen Sitzplatz an. Er setzt sich wortlos – wäre ein „Danke“ nicht angebracht, auch für solch eine Selbstverständlichkeit? Aber ist es das heute noch?
Der Obdachlose hat es nicht mitbekommen. Was hat ihn so verbittert gemacht?

Großstadtdschungel

Wenn man die Augen schließt und der Wind durch die Bäume rauscht, wenn der Regen alle anderen Geräusche der Stadt übertönt und auf die Blätter niederprasselt, die Vögel in der Dämmerungen singen und die Luft schwül und feucht ist – dann fühlt man sich in den Urwald versetzt.

Momentaufnahme

Schneeflocken tanzen in anmutigen Wirbeln durch die klirrend kalte Luft. Die Pflastersteine der Straße glänzen wie blank gewaschen in der Sonne, welche sich hin und wieder zwischen den dicken, weißen Wolken hervor schiebt. Die Äste der Bäume wirken wie mit Puderzucker bestäubt, hin und wieder fällt Schmelzwasser von den Dächern der Häuser in dicken Tropfen zu Boden. Der Himmel reißt ein letztes Mal an diesem Abend auf und der Sonnenuntergang färbt die Wolken in schillerndes Violett ein. Jeder Schritt hinterlässt Spuren in der feuchten Schneedecke, die das erste frische Grün bedeckt. Die zarten Blüten der Sträucher ächzen unter dem eisigen Kuss des Winters; einzelne Farbtupfer schimmern wie ein schwacher Protest des nahenden Frühlings unter dem Weiß hervor. Die hektische Großstadt wirkt still und sanft, als atme sie für einen kleinen Moment durch – bevor die Nacht anbricht und alles wieder undurchdringlich in Grau und Schwarz versinkt…

Stadtromantik

Stadtromantik

Original diesen Farbton hat im Moment die Luft draußen.