Archiv für~familienbande~
Glücksmoment
Fast ein Jahrzehnt habe ich meinen Cousin nicht gesprochen, das letzte Mal nur einige Minuten gesehen und nun ist er wieder aufgetaucht. Nach dem schriftlichen Kontakt im Januar verlor dieser sich so schnell wie er kam und nun ist er plötzlich in dieser großen Stadt, bis Freitag. Ich hoffe sehr, das alles klappt und ich ihn wirklich zu Gesicht bekomme. Das wird ein langer Abend…!
Schmerzhaftes Protokoll
Mir bietet sich über den Chat am heutigen Abend ein schmerzliches Protokoll zwischen meinem Bruder und mir. Mit soviel Kälte habe ich nicht gerechnet. Auch wenn es sehr lang ist, so habe ich doch einfach das Bedürfnis, es hier an dieser Stelle komplett festzuhalten.
{ich} (22:22):
ich hatte gehofft, dass wir uns heute mal sehen
aber du warst ja leider schon weg
[mein bruder] (22:23):
ja hab bereitschaft
{ich} (22:24):
hm… ich hätte mich gefreut, wenn du auch zum kaffee dagewesen wärst
ich frag mal ganz direkt – gibt es irgendein problem, was du mit mir hast?
(mal ganz blöd formuliert…)
ich hab das gefühl, dass du mir aus dem weg gehst
bzw. an einem kontakt nicht wirklich interessiert bist
tut mir leid, wenn ich das hier so anspreche, aber leider hat sich ja nicht mal eine andere möglichkeit ergeben
[mein bruder] (22:27):
kollege hat mich mittags vertreten
ach, ausm weg gehen nicht
{ich} (22:27):
ich frag dich das jetzt unabhängig von heute
[mein bruder] (22:27):
hab bloss kein interesse
kein ahnung wie es gekommen ist
{ich} (22:27):
hab ich dir irgendwas getan??
[mein bruder] (22:27):
ist halt so
{ich} (22:29):
das ist ne deutliche ansage… ich mein, der kontakt wurde von deiner seite immer weniger. ich mein… mir tut das ganz schön weh
[mein bruder] (22:32):
ja ich weiß nicht
ich hab kein direktes problem
ich hab halt damals zu mama und papa gehalten und da hat sich halt eine distanz aufgebaut mit der ich zzt. halt besser lebe
{ich} (22:34):
aber ich hab doch dir nichts getan bzw. hat doch das ganze nichts mit dir zu tun. du kennst doch außerdem nur eine seite, wieso hast du nicht mal mich gefragt, was eigentlich los ist?
[mein bruder] (22:34):
eltern gehn vor
immer
das wird bei mir immer so sein
{ich} (22:35):
ich bin deine schwester und hab dir nichts getan, im gegenteil, ich hab dich eingeladen und immer mich bemüht, dass der kontakt nicht abreißt
du kennst nur eine seite. es geht mir nicht darum, dir vorwürfe zu machen, sondern gemeinsam als erwachsene miteinander zu reden, vernünftig
[mein bruder] (22:37):
ich hab kein interesse an der anderen seite
in der beziehung bin ich abgestumpft
das ist mir echt egal gewesen
tut mir manchmal leid, kanns aber nicht ändern
wenn wir uns jez treffen oda so um zu reden
ist das als würde ich mit einer fremden reden, das weiß ich genau
{ich} (22:38):
bedeute ich dir als schwester gar nichts??
[mein bruder] (22:38):
das gefühl hab ich schon wenn wir mal zu viert bei mama und papa sitzen
{ich} (22:38):
du kannst mich einfach so abhaken?
das ist zwei jahre her
[mein bruder] (22:39):
derzeit lebe ich so ganz gut
{ich} (22:39):
ich merk schon
mir tut das sehr weh, das so zu hören, ich hab mich lange zeit bemüht, unser verhältnis abseits von unseren eltern aufrecht zu erhalten. wir sind ja inzwischen zwei erwachsene personen
[mein bruder] (22:40):
ich hab halt mein eigenes leben und bin damit schon beschäftigt
ja ich kanns nicht ändern
{ich} (22:40):
und da schmeißt du dann deine schwester einfach aus deinem leben, einfach so
[mein bruder] (22:40):
ich empfinde da derzeit nichts
vll. ändert sich das mal
aber jetzt nicht
ich sehs jedenfalls nicht
{ich} (22:41):
wie du meinst, das ist eindeutig. ich hoffe, du denkst irgendwann mal dran, dass du mir damit sehr weh tust. ich hab mich immer bemüht, für dich da zu sein, auch wenn es vielleicht für dich nicht so aussieht. ich hab dich nicht umsonst eingeladen.
mir tut es sehr leid darum.
[mein bruder] (22:42):
schuldgefühle wirst du mir so nicht einreden
ich weiss dass es dir wehtut
aber
arrangier dich damit
ich kanns auch
{ich} (22:43):
ich will dir keine schuldgefühle einreden, ich will dir nur meine position schildern und ich versteh halt auch überhaupt nicht, warum
[mein bruder] (22:43):
ich hab halt mama damals gesehn wie es ihr das herz zerrissen hat
das siehst du nicht mit an ohne das davon mitzutragen
und wenn sich das derzeit so äußert ist das halt so
ist sicherlich irgendwo egoistisch von mir, aber so ist das nun mal
{ich} (22:44):
hast du mich gesehen? weißt du, warum das damals so war und heute so ist?? meinst du, mich hat das kalt gelassen??
ich hatte letztes jahr nicht nur einen nervenzusammenbruch
[mein bruder] (22:45):
mir hat zuhause gereicht
vielleicht bin ich damals so dadurch beeinflusst worden dass ich dir die schuld gebe unterbewusst, keine ahnung
{ich} (22:47):
wie du meinst, du bist erwachsen und triffst deine eigenen entscheidungen
mich bestätigt dein verhalten nur in meiner meinung über unsere eltern
Es folgen noch eine Menge Fragen meinerseits, in denen er in seinen Antworten unmissverständlich klar macht, dass dieses Desinteresse genauso dem Rest meiner Familie gilt. Für ihn gibt es nur meine Eltern, etwas anderes existiert in seinem Leben nicht. Alles weiterführende – ein Telefonat, ein Besuch – ist unbequem und lästig. Ein perfektes Produkt meiner Eltern.
[mein Bruder] (23:47):
vielleicht interessiert es mich, wie so oft gesagt, einfach nicht
weil ich mein eigenes leben habe
da muss ich nicht in die leben anderer hineinkriechen
über sowas denk ich nich nach
hab andere prioritäten im leben
Ersatzmama
Meine Tante ist eine wunderbare Person. Ab Sonntag werden wir zehn Tage gemeinsam verbringen, soviele hintereinander wie noch nie. Wir haben uns erst vor knapp anderthalb Jahren kennengelernt, da sie mit ihrer Schwester und ihren Eltern – also meiner Mutter und meinen Großeltern – keinen Kontakt hat. Ihr Bruder – mein Onkel – hat uns zusammengeführt. Meine Tante ist die älteste von den drei Geschwistern. Sie war die Rebellin, meine Mutter die Ausgleichende und mein Onkel das Nesthäkchen.
Sie heißt inzwischen mit Nachnamen witzigerweise so wie die Stadt, in der ich lebe. Wir verstanden uns von der ersten Sekunde an, es war „Liebe auf den ersten Blick“. Wir trafen uns das erste Mal halb zwei in einer Frühlingsnacht, im Hintergrund ein Froschkonzert vom nahe gelegenen Teich, wie ich es noch nie gehört habe. Wir verbrachten die ersten Stunden bis zum Sonnenaufgang auf ihrer Terasse vor dem Haus, mit einem nie endenden Becher Rotwein in der Hand, und redeten, als wenn wir uns schon immer gekannt hätten.
Sie ist eine wundervolle Frau voll Wärme, dem richtigen Händchen für Geschmack und Anstand und geht doch ihren eigenen Weg. Als ich im Juli mit dem Bruder meines Vater bei ihr gewesen bin, welcher eine ähnliche Rolle in der Familie väterlicherseits gespielt hat, war diese spontane Sympathie und Vertrautheit auch zwischen den Beiden zu spüren. Wir alle drei haben eines gemeinsam – wir sind die sogenannten „Schwarzen Schafe“ in der Familie. Weil wir unseren eigenen Weg gehen. Und das schönste Gefühl, welches uns durchströmte – wir sind glücklich damit, auch wenn es manchmal nicht einfach ist.
Wir sehen uns erst zum dritten Mal in unserem Leben, doch sie behandelt und betrachtet mich wie eine zweite Tochter. Das macht mich stolz und glücklich. Sie kann einem Menschen generell das Gefühl geben, sich wohl zu fühlen und zu genießen. Sie öffnet einem den Blick für die kleinen Dinge im Leben und lässt einen spüren, dass sie jemand ist, der seine innere Ruhe und den Weg für sich selbst gefunden hat. Wenn die schönen Tage dann bei ihr vorbei sind und man abreisen muss, fühle ich mich aufgebaut und gestärkt. Sie ist intelligent und hat die gleiche Weise zu denken. Ich schätze ihre Meinung, da ich weiß, sie ist gut durchdacht. Wenn man von ihr wegfährt, ist man voll Tatendrang und behält jedes Mal ein bisschen mehr von ihrem offenen Blickwinkel im Gedächtnis.
Eigener Wille
Wenn mir jemand mit aller Macht einen Stempel aufdrücken und mich in eine Schublade pressen will, wenn man mich in ein Korsett presst und mit Erwartungen vollstopft, dann ergreife ich innerlich die Flucht. Wenn ich nach einem Schema funktionieren und nur keine eigene Meinung äußern soll, dann mache ich dicht.
Ich habe mich die letzten Jahre von meiner eigenen Familie freigestrampelt, mich aus diesem klebrigen Netz voller Höflichkeiten, Zwängen, Erwartungen befreit und letztendlich erreicht, dass die meisten mich so akzeptieren und lieben, wie ich bin.
Ich habe die böse Vorahnung, dass ich diesen Kampf in den nächsten Jahren in einer weiteren Familie austragen muss.
Buntes Kuddelmuddel
In der vergangenen Woche habe ich mich manchmal wie ein Scheidungskind gefühlt, nach einem Ersatzpapa nun auch eine offizielle Adoptivmama gefunden und das Leben in einer bunten Patchworkfamilie kennengelernt. Ich habe im Liegestuhl die Seele baumeln lassen, bin nachts um zwei nach intensiven Gesprächen rotweintrunken in meinen Schlafsack gekrochen und hab mich dabei absolut glücklich gefühlt, bei Wellenrauschen wurden versteinerte Muscheln entdeckt und das Kitzeln der Steine am Strand unter den Fußsohlen gespürt, ich sah am Himmelszelt die erste Sternschnuppe in meinem Leben verglühen und bin mit einem geliebten Hund im Abendrot über Felder spazieren gegangen.
Es wurden lange Nächte mit dem ein oder anderen „Fläschgen“ Rotwein oder Alsterwasser genossen, drei Geburtstage binnen fünf Tagen gefeiert, mit selbstgebackener Pizza im hauseigenen, stilechten „Frau Holle-Backofen“ und ausgelassenen Wasserschlachten im Pool.
Dieser Urlaub hatte alles, was dazu gehört und wenn sie auch nicht immer einfach waren, die vergangenen Tage möchte ich nicht missen.
Familienpackung
Ab Samstag werde ich ein paar Tage auf Rügen verbringen, mit Menschen, die ich aus tiefstem Herzen liebe. Dort wird sich ein bunt zusammengewürfelter Teil meiner Familie zusammenfinden – Menschen, die für mich zu den Wertvollsten in meinem Leben gehören und in deren Gegenwart ich mich absolut wohl fühle. Denn das ist meine Familie und dabei gleichzeitig jedoch nicht nur „Familie“, sondern auch Menschen, die mir das Gefühl geben, dass sie mich so mögen, wie ich bin und mich in dem, was ich tue, unterstützen und mir Mut und Kraft geben. Ich muss mich nicht verstellen, kann sagen und tun, was ich denke, weil ich weiß, sie nehmen mich so, wie ich bin und nehmen mich vor allem ernst.
All diese Gefühle habe ich erst vor etwa zwei Jahren kennengelernt und ich möchte sie nicht mehr missen und diese Menschen nicht mehr hergeben. Denn das ist Familie – lieben und geliebt werden, hören und zuhören, ernst meinen und ernst nehmen, Sorgen nehmen und Kraft geben, zusammen weinen und gemeinsam lachen und immer wieder das gleiche Gefühl: wir gehören zusammen.
Familienbande
Menschen haben Erwartungen aneinander. Auf die Ausgestaltung einer Beziehung zueinander kann man Einfluss nehmen, wenn es sich dabei um Partner, Freunde, Arbeitskollegen oder Fremde handelt. Man kann seine Ansprüche nachordnen und Kontakte fortsetzen oder, wenn es gar nicht funktioniert, sich aus dem Weg gehen und Beziehungen und Freundschaften auch mal beenden. Doch familiäre Verhältnisse sind bindend – gleichgültig, ob es sich dabei um die eigene Familie oder die des Partners handelt, man kann sich die Charaktere nicht aussuchen. Tauchen Probleme auf, kann man die eigene Erwartungshaltung an die anderen modulieren, selbst entscheiden, in welcher Form man ihnen begegnet. Doch was ist, wenn man den Ansprüchen der Anderen nicht gerecht werden kann und manchmal auch nicht will?
Meine Omi
Meine Omi ist eine stolze Frau. Sie hat so manche Hürde im Leben nehmen müssen. Kurz vor Kriegsbeginn in einem kleinen Dorf geboren, musste sie sich bereits mit vierzehn Jahren dem Leben stellen und ein Handwerk lernen. Wie es damals üblich war, heiratete sie früh und bekam drei wundervolle Jungs, die jedoch nicht unterschiedlicher sein könnten. Ihre Ehe war nicht einfach und sie gehörte zu den mutigen Frauen, die sich in den 70er Jahren scheiden lassen wollten – um beim letzten Gerichtstermin aus Liebe zu ihrem Mann und den Kindern doch noch alles abzublasen. Ich weiß nicht, ob sie es jemals bereut hat. Sie arbeitete fast ihr ganzes Leben lang. Erst als Frisöse, später als Köchin hatte sie sogar ihre eigene kleine Gemeindeküche. Sie wurde mit 60 Jahren früh Witwe, doch spätes Enkelglück tröstete sie über so manch schwere Stunde hinweg. Mit viel Liebe und Verstand hat sie ihr Leben gemeistert. Sie ist fast immer gut gelaunt, hat stets ein Liedchen auf den Lippen und auch wenn ihr der Körper aufgrund des Alters immer öfter Hindernisse in den Weg legt, so wischt sie alle „Zipperlein“ mit einem Achselzucken hinweg. Die Küche ist ihr Revier, aus Leidenschaft. Meine Omi ist Dreh- und Angelpunkt dieser Familie, an ihrem Küchentisch treffen sich regelmäßig die Generationen. Gestern wurde sie siebzig Jahre alt.
Ich hoffe, sie wird mindestens hundert…!



