Viele Menschen, die ich kenne, vertragen Ehrlichkeit nur wohldosiert. Die Wahrheit klingt ausgesprochen oftmals sehr hart und manchmal gar bösartig in unserem weichgespülten Alltag. Wir haben verlernt, zu kommunizieren und dabei gleichzeitig die Fähigkeiten verloren, uns mit und in Konflikten auseinanderzusetzen. Offensichtlich allseits politisch korrekt, bravourös allzeit die Würde des Anderen achtend, tragen wir unsere Unkompliziertheit wie eine Fähnchen vor uns her und lügen uns dabei Tag für Tag gegenseitig in die Taschen. Wir haben vieles schon gesehen, sind aufgeklärt – oder sollten es zumindest sein – und haben gleichzeitig jeden Tag mit Fluten an Reizen zu kämpfen. Dabei entwickelt sich unser Miteinander wieder zurück, gutes Benehmen und soziale Kompetenz geraten meiner Ansicht nach immer mehr in den Hintergrund unserer Gesellschaft.
Wenn man dabei nun das Credo der Ehrlichkeit besitzt und direkt sowie unverblümt seine Meinung äußert, erntet man schnell pikierte Blicke. Wenn man gar zu nah an die – manchmal unbequeme – Wahrheit gelangt und sie Anderen wie einen Spiegel die eigene Unzulänglichkeit sowie Scheinheiligkeit reflektiert, jaulen manche gar wie geprügelte Hunde auf, wollen sich als Opfer verstehen – und feuern gleichzeitig massiv zurück.
Man macht sich damit nicht viele Freundschaften, steht oftmals als Sündenbock da, wenn man offen an- und ausspricht, was andere allenfalls wagen zu denken. Doch man erkennt dabei die echten Freundschaften. Meist sind es sehr gute Freunde, die mit eben jener Ehrlichkeit und direkten Art umzugehen verstehen, meist schätzen sie es gar. Für alle anderen ist man nur derjenige, der einem – natürlich absolut unbegründet und völlig unverständlich – das eigene Leben wagt zu stören und schwer zu machen. Aus reiner, vor allem berechnender, Bösartigkeit kombiniert mit Egoismus, gewürzt mit mangelndem Taktgefühl. „Was ich selber denk und tu, trau ich jedem andern zu!“ Ich war bereits einige Male im Leben überrascht, wieviel Berechnung mir andere zutrauen und welche Eigenschaften sie einem anrechnen.
Ehrlichkeit bringt die Wahrheit ans Licht. Ich verstehe die Übereinstimmung von dem, was ich sage mit jenem, was ich tue, als selbstverständlich an. Ich bemühe mich stets, so authentisch wie möglich zu handeln, mein Grundsatz lautet: Behandle andere so, wie Du es selbst von ihnen erwartest.
Doch mit soviel Anstand rechnen viele nicht – und man erkennt im Gegenzug dafür jedoch prima, welche Abgründe sich in den Gedanken des Anderen auftun.